Dienstag, 18. Juli 2017

[Aktion Kurzgeschichte] Marie und die Menschlichkeit von Sabina S. Schneider

Hallo ihr Lieben ;)



wie bereits angekündigt hat sich die liebe Sabina S. Schneider dazu bereiterklärt, an der Aktion teilzunehmen. Sie hat von mir 5 Sätze bekommen und sollte daraus eine Kurzgeschichte schreiben. 


Aber bevor wir zur Kurzgeschichte kommen, möchte ich euch gerne erzählen, wer Sabina eigentlich ist.

Kennengelernt habe ich sie durch unsere Autorenvorstellung. Sie ist ein offener Mensch, der für jede Schandtat bereit ist. Sie hat ohne zu zögern dieser Aktion zugesagt und das hat mich sehr gefreut. 
Die Bücher von Sabina gehören in den Bereich Fantasy und Science Fiction und sinddort in fast allen Unterbereichen vertreten.

Ihre Homepage

Die Bücher:



Und hier kommt die versprochene Kurzgeschichte:

+Marie und die Menschlichkeit+
von Sabina S. Schneider

Marie betrachtete nachdenklich den Roboter vor sich. Konnte dieser die Lösung für all ihre Probleme sein? Natürlich würde er den Haushalt schmeißen, doch würde er ihr die Einsamkeit nehmen? Konnte er die Leere, die der Tod ihres Mannes hinterlassen hatte, füllen? Marie glaubte da nicht dran, aber irgendwie reizte sie die Maschine. 
Mit geschlossenen Augen lag sie nackt vor ihr. Verpackt wie ein lebensgroßer Ken. Ja, wie Ken aus Barbie und Ken. Und der Körper war … nun, sagen wir anatomisch äußerst korrekt nachgebaut worden. Und Marie musste sich daran erinnern, dass ES nicht lebendig war. Dass ES nur ein experimenteller Prototyp einer Serie von Haushaltsrobotern war … das hatte Mr. Devil jedenfalls behauptet. 
Mr. Devil … alleine bei dem Gedanken an den Namen wurde Marie flau im Magen. Unter normalen Umständen hätte sie einen gigantischen Bogen um solch einen Menschen gemacht. Doch hier und jetzt hatte sie keine Wahl. Marie schloss die Augen, als das Blut schneller durch ihre Adern pumpte und erwartete die Kopfschmerzen. Schmerzen, die sie eigentlich genoss. Denn sie waren das einzige Zeichen, dass Marie körperlich noch irgendetwas empfinden konnte. 
Er war eine Abwechslung zum seelischen Schmerz und zu dem alles überdeckenden Gefühl der Hilflosigkeit. Doch er blieb aus – der Schmerz – und hinterließ ein weiteres Loch in ihr, das nicht gefüllt werden konnte. Es waren sicher die Medikamente, die sie täglich mit einer Schaufel in sich schütten musste, die den lindernden Schmerz auffingen und filterten. Sie würde die Pillen eine Weile nicht mehr nehmen, beschloss Marie. Die Ärzte verstanden nicht, dass ihr der Schmerz gut tat. Dass es der einzige Moment war, in dem Marie sich lebendig fühlte.
„Wäre ich doch nur mit Michael gestorben“, flüsterte eine Stimme in ihr, die schleichend alles betäubte. Und ihr folgte das schlechte Gewissen. Marie fühlte sich schuldig, weil sie überlebt hatte und Michael nicht. War es Zufall, war es Schicksal gewesen? Warum hatte sie überlebt und ihr Mann nicht? Es war so unfair! Schuldgefühle, überlebt zu haben, und Wut und Trauer darüber, allein gelassen worden zu sein, vermischten sich in ihr zu einem Gift, das sie mehr kosten könnte als ihr Leben. Die Dunkelheit, die ihm folgte, zehrte an ihrer Seele, verschluckte alles, was sie einst ausgemacht hatte. 
Marie würde so gerne aus ihrer eigenen Haut schlüpfen, sie wie eine Schlange einfach abstreifen. Alles würde Marie dafür tun, um glücklich darüber sein zu können, dass sie noch lebte. Ihre Lebensfreude hatte Michael am meisten geliebt. Jedenfalls hatte er das immer wieder gesagt, während er Marie neckend in die Pobacke kniff. Nicht sehr glaubwürdig und doch … während alle anderen Erinnerungen grau wurden, das Denken seines Namens allein schon schmerzhaft war, konnte sie sich an diesem Wort festhalten.
Lebensfreude. 
Ob Marie sie je wiederfinden würde? 
Sie öffnete die Lider und ihr Blick fiel auf ihre nutzlosen Beine. Unbeweglich … tot … so wie Michaels Körper bei der Beerdigung. Auch wenn er sie hier zurückgelassen hat, hatte er einen Teil von ihr mitgenommen. Den Teil, der ihm am besten an ihr gefallen hat. Ihre Beine und ihre Lebensfreude. 
Doch auch wenn sie die Fähigkeit, ihre Beine zu bewegen, nicht wiederfinden würde, konnte sie immer noch nach der Lebensfreude suchen. 
Oder? 
Nach Monaten der Reha konnte Marie nicht einmal den großen Zeh bewegen. Es war so hart. Sie hatte so sehr gekämpft, sich so viel Mühe gegeben und nichts … nichts hatte sich geändert. 
Es klingelte an der Tür und Marie riss sich los von den dunklen Gedanken, zwang ein Lächeln auf ihre Lippen, drehte ungeschickt den Rollstuhl um und bewegte sich vorsichtig Richtung Tür. Der Pflegedienst war heute früh dran. Wie sollte sie ihnen nur den nackten Ken im Plastikkarton erklären? Bei dem Gedanken schoss ihr das Blut in die Wangen und ihr Gesicht brannte. 
„Wenn ich Mr. Devil in die Finger bekomme …“, murmelte sie leise vor sich hin. Marie wusste, dass sie keine andere Wahl gehabt hatte, als den Vertrag zu unterschreiben. Doch man hätte den Roboter doch etwas anziehen können, wann man ihn schon so anatomisch korrekt bauen musste. 
Marie kam an der Gegensprechanlage an und drückte gedankenverloren den Öffner. Das Surren der Tür ließ sie zusammenschrecken und das Blut, das ihr in den Kopf geschossen war, verließ sie wieder, zog sich zurück und was ihr blieb war ein Schneeweiß anstatt einem Rosenrot. 
„Hallo Frau Mäusel. Mir wurde mitgeteilt, dass die Ware Sie erreicht hat. Da Sie in Ihrem … Zustand … Schwierigkeiten haben werden, den Initiierungsprozess zu starten, bin ich hier, um Ihnen zu helfen. Es war nicht Teil des Vertrags, aber sehen Sie es als Bonus. Natürlich kostenfrei“, sagte Mr. Devil und seine Lippen verzogen sich zu diesem kalten, kalkulierten und in keiner Weise ehrlich wirkenden Lächeln. Über Maries Arme marschierte eine Armee von Ameisen und sie glaubte für einen Moment, Kälte in ihren Zehen zu spüren. In ihren tauben, bewegungslosen, toten Beinen. 
„Könnte ich das mit dem ‚Kostenlos‘ schriftlich haben?“, fragte Marie mit aufeinander gepressten Lippen. Warum nur hatte sie das Gefühl Mr. Devil ihre Seele verkauft, anstatt eine Geheimhaltungsvereinbarung und eine Bereitschaftserklärung für das Testen seines Prototyps unterschrieben zu haben? Sie war sich sicher, dass es nicht nur der Name war, der sie so abschreckte. 
„Selbstverständlich können wir das schriftlich festhalten. Das hätten wir mit Ihren Zustand bereits von Anfang an machen sollen. Bitte verzeihen Sie mir meine Nachlässigkeit“, erwiderte Mr. Devil galant, doch nahm Marie ihm die Rolle des Gentlemans nicht ab und konnte nur stumm nicken. Was sollte sie drauf auch erwidern? 
Ohne etwas Weiteres zu sagen, schritt Mr. Devil um sie herum, ging zielsicher auf den verpackten Roboter zu und machte sich ans Auspacken. Nicht wie ein Kind, das seine Weihnachtsgeschenke aufriss, sondern systematisch, als würde er einen Bausatz auseinandernehmen. Stück für Stück. Marie rollte fasziniert näher heran und beobachtete, wie Mr. Devil den Mann … nein, nein … den Roboter! Den Roboter vorsichtig, wie eine Mutter es bei ihrem Kind tun würde, hochhob und auf die Couch legte. In all seiner nackten Pracht. 
Das Blut stieg Marie wieder in die Wangen. Sie hatte schon seit Jahren keinen Mann außer Michael nackt gesehen. Wenn Sie ehrlich mit sich war, hatte sie vor Michael auch nicht mehr als zwei Exemplare in all ihrer natürlichen Schönheit bewundern können. 
Sie zwang ihren Blick zum Gesicht des… des Roboters. Und irgendwie kam er ihr bekannt vor, vertraut. 
„Kommen Sie bitte hierher, Frau Mäusel? Sie müssen ihn aktivieren, damit er sich auf Sie als Besitzerin einstellen kann“, sagte Mr. Devil und Marie kurvte zögerlich und ungeschickt um das unnötige Sofa herum. Warum war es nicht entsorgt worden, als man ihre Wohnung rollstuhlgerecht umgeräumt hatte? Es war ja nicht so, als bräuchte sie eine Sitzgelegenheit … 
„Drücken Sie bitte den Knopf an seinem Nacken und halten Sie ihr Gesicht so, dass er es sehen kann, wenn er die Augen öffnet“, bat Mr. Devil in einem Ton, der einem Befehl glich. 
Zögerlich folgte Marie den Anweisungen. 
Und als er die Augen öffnete, wusste sie, warum ihr das Gesicht so bekannt vorkam. 
Ihre Welt blieb stehen und das Atmen wurde zu anstrengend, nein, es wurde überflüssig. Ein Name verließ ihre Lippen: „Michael …“ Sie hatte eine junge Version von ihrem Mann vor sich liegen. Aus einer Zeit, als sie ihn überhaupt nicht gekannt und seine Lockenpracht nur auf Bildern gesehen hatte. 
„Sagen Sie Ihren Namen!“, flüstere Mr. Devil in ihr rechtes Ohr und aus irgendeinem Grund gehorchte Marie.
„Marie …“, sprang ihr Name aus ihrem geschockten Mund. 
„Hallo Marie, ich bin Michael und ich werde dich glücklich machen.“ Die Stimme … es war nicht Michaels und doch war sie seiner ähnlich. Viel zu ähnlich. Marie zitterte am ganzen Körper. Tränen quollen aus ihren Augen. 
„Geht es dir nicht gut, Marie? Was kann ich für dich tun?“, fragt die Maschine und blinzelte rhythmisch, mechanisch. 
„Verschwinde …“, flüsterte Marie. 
„Diesen Befehl kenne ich nicht. Bitte um detaillierter Erläuterung“, erwiderte der Roboter. 
„Verschwinde!“, schrie sie und rollte panisch zurück, stieß auf etwas und als sie sich umdrehte, sah sie in das kalte Gesicht von Mr. Devil. 
„Sie haben einen Vertrag unterschrieben, Frau Mäusel. Ein Vertragsbruch würde teuer für Sie werden“, sagte er und seine Augen wurden dunkel, verschlangen alles Licht. 
Die Worte rollten durch Maries Ohren, ließen ihre Lungen erfrieren und sammelten sich zu einem Eisklumpen in ihrem Magen. Sie hatte keine Wahl. Das hier war die einzige Lösung. Sie konnte nicht mehr arbeiten. Ihre Eltern waren selbst pflegebedürftig und Freunde … wirkliche Freunde hatte sie nicht. Michael hatte ihr vollkommen gereicht, hatte sie neben den vielen Überstunden und Reisezeiten vollkommen ausgefüllt. Sie hatte keine Arbeitsunfähigkeitsversicherung. Warum zum Teufel auch? Sie war kerngesund, in der Blüte ihres Lebens… kerngesund. 
Bis zum Unfall … 
Das Ersparte würde nicht ewig reichen. Die Miete lief weiter, sie hatte fixe Ausgaben und … und ein Pflegedienst, selbst wenn er nur einmal am Tag kam, war teuer. Vielleicht, mit mehr Übung, konnte sie vieles lernen. Lernen, wie man den Alltag mit dem Rollstuhl meisterte. Doch jetzt … jetzt war sie hilflos, auf andere angewiesen und hatte nicht das Geld für die Hilfe auf Dauer zu zahlen.
Und Mr. Devil? 
Er hatte ihr ein Angebot gemacht, das sie nicht ablehnen konnte. Ein Roboter, der für sie den Haushalt schmeißen würde, der ihr das abnehmen konnte, was ihr noch schwer fiel. Dafür musste sie alle Rechte, Mr. Devil und seine Firma bei Fehlfunktionen oder ähnlichem zu verklagen, aufgeben und sich zur Geheimhaltung verpflichten.
Aber das hier! Das würde ihr nicht helfen. Das würde sie in den Wahnsinn treiben. Ein Roboter, der aussah wie ihr verstorbener Mann, den sie bei seinem Namen rufen sollte? 
„Löschen Sie das!“, schrie Marie wie eine Besessene. Ihre eigene Stimme war ihr fremd. 
„Wie bitte?“, fragte Mr. Devil und blinzelte. In einem monotonem Rhythmus, der an den der Maschine erinnerte. 
„Löschen Sie diesen Namen! Und verändern Sie sein Gesicht und seine Stimme. So kann ich das nicht akzeptieren!“ Maries Stimme zitterte, aber das war ihr egal.
Mr. Devil sah sie lange schweigend an und erwidere dann: „Frau Mäusel, ich glaube, Sie haben da etwas missverstanden. Sie haben kein Recht, diese Änderungen einzufordern. Alterierungen in solch einem Ausmaß sind zeitaufwendig und kostspielig. Ich glaube nicht, dass Sie das nötige Kleingeld hierfür besitzen.“
Marie atmete unregelmäßig ein und aus. Sie wusste, dass er Recht hatte. Sie hatte ihm wirklich ihre Seele verkauft. Und für was? Damit sie es leichter hatte, mit ihrer Behinderung umzugehen? Damit sie nicht damit umgehen musste, sondern damit sie sich bedienen lassen konnte? 
Sie presste die Lippen aufeinander: „Das ist also der Zweck dieses Roboters. Das ist also der Grund, warum Sie gerade mich ausgesucht haben. Es geht nicht um eine Haushaltshilfe. Es geht um einen Ersatz … es geht um einen Menschenersatz …“
„So weit würde ich nicht gehen, Frau Mäusel. In erster Linie geht es um die Hilfsfunktionen. Erst in zweiter Linie um die Möglichkeit einer emotionalen Bindung.“ Seine Stimme war kalt. Gefühllos.
Emotionale Bindung … Marie wurde schlecht. Sie schluckte hart ihre Wut hinunter und fragte mit zitternder Stimme: „Könnten Sie … könnten Sie wenigsten den Namen ändern?“
Stille folgte, dann ein Seufzen. 
„In Ordnung. Dieses eine Mal. Michael, Administratoren-Rechte Devil No 01 ein.“
„Administrator Devil No 01 erkannt. Bitte Befehl nennen“, erklang die Stimme des Roboters. Künstlich und doch ähnelte sie Micheals Tonfall. 
„Namensgebung Reset!“, befahl Mr. Devil und ein kleiner Teil des Eiszapfens in Maries Innerem schmolz. 
„Reset erfolgt“, sagte die Maschine. 
„Neuinitialisierung starten!“
„Gestartet!“
Mr. Devil blickte auffordern zu Marie und nickte ihr zu. Sie biss sich auf die Lippen, öffnete den Mund mit einem Lächeln und sagte: „Roboter. Dein Name ist Roboter!“
„Name überschrieben.“
Marie blickte zu Mr. Devil, der die Augen rollte, leise seufzte und schließlich: „Administratorenzugriff Devil No 1 schließen.“
„Geschlossen!“
Der Roboter schloss die Augen, öffnete sie wieder und sagte: „Hallo Marie, mein Name ist Roboter. Wie kann ich dir behilflich sein?“
Marie war zufrieden. 
Mr. Devils räusperte sich und sagte: „Ich hoffe, Sie können sich an Ihrem kindischen Spielchen für den Moment erfreuen. Dieser Name wird Ihnen in der Öffentlichkeit nicht behilflich sein, Ihre Geheimhaltungserklärung einzuhalten. In dem Starterset ist alles, was Sie brauchen. Kleidung für ihn, wie auch eine Bedienungsanleitung. Wobei das Programm sehr benutzerfreundlich aufgebaut ist. Seine Fähigkeiten und seine Grenzen müssten durch normale Gesprächsverläufe klar werden. Sie entschuldigen mich?“ Dann hatte er auch schon hinter sich die Tür geschlossen.
„Roboter!“, fauchte Marie, ohne ihn anzusehen. 
„Ja, Marie?“, erwiderter er.
„Zieh dir bitte etwas an!“, befahl sie. 
„Jawohl, Marie!“
Wie war sie nur hierein geraten? Und wie würde sie wieder rauskommen? Würde sie, gelähmt in einem Rollstuhl sitzenden, den ersten Schritt in eine Welt machen, in der die Menschen ersetzbar waren? Eine Welt in der Frauen sich ihre Traummänner online zusammenstellen, und Männer sich ihre Traumfrauen? Würde die Menschheit ihre Fähigkeit zur Anpassung verlieren, weil sie alles ihren Wünschen nach formen konnte? Und falls ja, wäre das nicht der erste Schritt in die Nihilierung? Würde der Mensch wie die Dinosaurier aussterben, weil er sich nicht mehr an die Gegebenheiten anpassen konnte? 
Hat er sich je angepasst, oder sich schon immer selbst eine für ihn ideale Welt geschaffen? 
Marie blickte zu Roboter und seine Lippen formten sich zu einem Lächeln. Einem Lächeln, das ihr so bekannt vorkam, nachdem sie sich Tag und Nacht sehnte. Und eine Stimme flüstere ihr ins Ohr: „Am meisten liebe ich deine Lebendfreude …“


Hat euch die Geschichte gefallen? Möchtet ihr genauso gerne wissen, wie die Geschichte weitergeht? Dann lasst es Sabina doch wissen ;)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen