Dienstag, 15. August 2017

[Aktion Kurzgeschichte] Bittersüße Freiheit von Christa Kuczinski

Die Aktion Kurzgeschichte geht in die nächste Runde. Diese Woche war die mutige Autorin Christa Kuczinski.

Christa habe ich durch eine Blogtour kennengelernt und habe mich gefreut, sie persönlich kennenlernen zu dürfen. Sie ist ein unglaublich sympathischer Mensch, mit dem man viel Lachen kann. 
Ihre Bücher siedeln sich im Fantasybereich an. Dazu gehören eine Prise Romantik, so dass man in den Bücher einfach immer dahinschmelzen muss.

Ein Interview wird noch folgen, damit ihr sie genauer kennenlernen könnt.


Ihre Bücher:






Bittersüße Freiheit

Sanft kitzelte der Wind meine Haut und wirbelte mein Haar durcheinander. Hastig strich ich mir die Locken aus dem Gesicht, damit ich nichts von der Parade verpasste.
Ich traute mich nur selten aus dem Haus, was an meiner hellen, fast durchscheinenden Haut lag, die mich als anders deklarierte.
Die Menschen fürchteten uns, obwohl wir friedlich waren.
Doch manchmal handelten sie deswegen unüberlegt, was uns das Leben erschwerte.

Tagebucheintrag, siebzehnter März 1915.
Catharine.

Nachdenklich schloss Liz das zerflederte Tagebuch ihrer Urgroßtante Catherine. Vor einigen Wochen hatte sie das Buch, beim Stöbern-aus-Langeweile, auf dem Dachboden entdeckt. In einer Eichentruhe. Vergraben unter einem Berg Kleider, die mit ihren feudalen Spitzenborten, an Ausschnitt und Ärmeln fast wieder modern waren.
Zu lesen, wie es einer anderen Person ergangen war, die dieselbe Last wie Liz auf ihren Schultern getragen hatte, war ein seltsames Gefühl. Hastig schob sie das Tagebuch unters Kopfkissen, setzte sich auf die Bettkante und seufzte.
Ihre Großmutter Fiona wäre bestürzt, wenn sie wüsste, dass die Ängste ihrer Enkelin, vor der Welt, und besonders -vor dort draußen-, durch Catherines Zeilen geschürt wurden. Dennoch war jeglicher Versuch, das Tagebuch in die Truhe zurückzulegen misslungen. Womöglich lag die Ursache darin, dass der Kasten nun nicht mehr auf dem Dachboden, sondern in Liz‘ Zimmer stand.
Sie konnte noch nie gut loslassen und nun sollte sie plötzlich ihr eigenes Leben in die Hände nehmen und die Scherben zusammenkehren? Liz war bewusst, dass es ihr beim Lesen, nicht nur um Zerstreuung ging, sondern um Trost, so etwas wie Hoffnung und ein Quäntchen von Catherines Entschlossenheit; momentan besaß Liz nichts von alldem.
„Kommst du auf eine Tasse Tee runter? Es sind noch fünfzehn Minuten, bevor Lesley dich abholt. Seid ihr sicher, dass ihr den Bus nehmen wollt? Malcom könnte euch fahren“, hörte sie ihre Großmutter von unten rufen.
„Das muss er nicht. Es sind ja nur zehn Kilometer, und der Bus parkt ja quasi vor der Tür“, antwortete sie.
Nach einem letzten skeptischen Blick in den Spiegel ihres antiken Schminktischs, wandte sie sich in Richtung der offenen Zimmertür. Sie wusste, wie sie aussah – blonde Haare, die sie meistens zu einem Zopf hochgebunden, heute ausnahmsweise offen trug und blaue Augen, die allzu ernsthaft blickten.
Liz besaß eine ebenso auffallend helle Haut, wie Catherine sie in ihren Notizen beschrieben hatte. Damals mochte es noch keinen Namen für diese Erkrankung gegeben haben, heute war klar, dass Catherine, ebenso wie ihre Großnichte unter einem seltenen Gendefekt gelitten hatte. Im Gegensatz zu ihrer Großtante, würde sich Liz aber nicht länger vor der Außenwelt verstecken.
Der erste Schritt stand ihr kurz bevor und obwohl ihr mulmig zumute war, würde sie ihr Vorhaben durchziehen. Sie musste es tun. Für sich und für Catherine.
Sorgfältig rollte sie die hochgekrempelten Ärmel des Langarmshirts herunter und griff nach dem Rucksack und der Strickjacke, die sie auf der Kommode abgelegt hatte.
Die steile Holztreppe, die in die untere Etage des Häuschens mit einem typisch irischen Vorgartenführte, knarzte, obwohl Liz ein Fliegengewicht war. Das zumindest behauptete ihre Großmutter, seit Liz vor drei Monaten an einem nebligen Tag mit zwei Koffern, aus dem Flieger gestiegen war.
Sie schob die schmerzhaften Erinnerungen an den Unfalltod ihrer Eltern in den hintersten Winkel ihres Verstands. Heute war der falsche Zeitpunkt zum Trauern. An diesem siebzehnten März stand alles im Zeichen des St. Patricks Tags, an dem man ausgelassen feierte und jede Menge Spaß hatte.
Liz betrat die geräumige Küche. Ihre Großmutter hatte die sonnengelben Vorhänge bereits in Sorge um Liz Krankheit, zugezogen.
Jetzt stand sie am Herd und wandte sich mit zwei Tassen frisch aufgebrühten Tees in den Händen um. „Hier, nimm. Milch ist schon drin. Möchtest du etwas essen?“, fragte die alte Dame aufmunternd.
„Nein, Danke. Ehrlich gesagt, habe ich überhaupt keinen Hunger“, entgegnete Liz, nahm die Tasse entgegen und schenkte der alten Frau ein Lächeln. Fiona erwiderte es.
„Sollte etwas sein, kannst du jederzeit anrufen. Wenn alles dabei bleibt, holt euch Malcom um Mitternacht an der Bushaltestelle ab“, ergänzte ihre Großmutter gerade, als der Benannte die Küche betrat.
„Unsere Liz ist ein großes Mädchen und weiß, wann es Zeit ist, aus einem überfüllten Pup zu verschwinden. Nicht wahr, mein Mädchen?“
Liz grinste ihren Großvater an und lachte auf, als Malcom ihr zuzwinkerte.
„Aber klar. Ich sag dir Bescheid, damit du mitmischen kannst. Ich kann dir aber nicht versprechen, dass die Schlägerei andauert, bis du da bist“, antwortete Liz, nahm eine der Tassen mit Tee und pustete hinein, bevor sie ihn probierte. Er schmeckte würzig und nicht zu stark.
„Ihr beide wieder. Malcom, du verdirbst sie noch. Und jetzt bitte Händewaschen, dein Nachmittagstee wird vom Stehen nicht besser“, sagte Fiona streng. Der Blick, den sie ihrem Mann zuwarf, war jedoch warmherzig und liebevoll.
Liz lächelte beim Anblick ihrer Großeltern in sich hinein. So, und nicht anders, sollte die Liebe sein.  Sie dachte dabei an ihre Eltern, die sich ebenfalls abgöttisch geliebt hatten.
Liz stiegen Tränen in die Augen. Sie musste mehrmals schlucken. Erst dann war der Kloß verschwunden, der sich in ihrem Hals festgesetzt hatte.
„Rieche ich da frische Scones?“, wechselte Malcom geschickt das Thema. Er wusste, womit er seine Ehefrau milde stimmen konnte.
„Mensch Liz, in zehn Minuten fährt der Bus. Bist du fertig?“, rief eine schrille Mädchenstimme, bevor Lesley durch die Hintertür in die Küche stürmte.
„Nicht so hastig, junge Dame. Liz, lass die dünne Jacke hier und nimm lieber den Anorak. Auch wenn heute die Sonne scheint, wird es abends ziemlich kalt“, schlug Fiona vor, während Liz den restlichen Tee austrank und vom Stuhl aufsprang.
„Mach ich. Bis später.“ Mit einem letzten Blick auf ihren Großvater, der genüsslich in eine der frisch gebackenen Süßspeisen biss, verließ sie die Küche und lief zur Garderobe im Flur.
Im Laufschritt griff Liz nach ihrer Übergangsjacke. Der Anorak blieb zurück, die dicke mit kunstpelzbesetzte Kapuze war zu warm, sie sah auch lächerlich aus. Mit dieser Kopfbedeckung würde sie überall sofort auffallen, aber genau das wollte sie vermeiden.
Bevor Liz das Haus verließ, zog sie sich eine Baseballmütze tief ins Gesicht und entschied sich gegen eine Sonnenbrille.
So ganz glaubte sie noch nicht an das Stäbchen, das ihr oberhalb ihrer Hüfte eingesetzt worden war. Der Wirkstoff pushte ihren Körper mehr Melanin zu bilden. Das wiederum für die Hautpigmentierung verantwortlich war und das Liz dringend benötigte, um sich gegen die Sonneneinstrahlung zu wappnen.
„Mann, das wird super. Hier, die habe ich im Internet ausgegraben. War ein Schnäppchen“, sagte Lesley, die es plötzlich gar nicht mehr so eilig zu haben schien und vor der Haustür stehen geblieben war.
„Hm?“, murmelte Liz abgelenkt. Ihre Aufmerksamkeit galt dem geöffneten Fenster, im Haus gegenüber, aus dem leise Gitarrenklänge zu hören waren.
„Liz, komm schon. Conor? Ehrlich?“, fragte Lesley, die ihrem Blick gefolgt war.
Der Reaktion ihrer Cousine nach zu urteilen, musste der Typ ja ziemlich unattraktiv sein.
„Quatsch. Ich kenn den Typen gar nicht. Mir gefällt bloß die Musik, die er spielt“, erwiderte Liz. Damit wäre das Thema für sie beendet gewesen, nicht jedoch für Lesley, deren Zweitname Neugierde war.
„Da hast du nichts verpasst. Der Kerl ist seltsam. Redet kaum mit jemanden. Klimpert immerzu auf seiner Gitarre herum und anstatt die High-School zu besuchen, treibt er sich in einem Pub rum“, sagte Lesley abfällig.
„Malcom sagt, er verdient dort sein Geld. Das ist etwas völlig anderes, als abzuhängen“, protestierte Liz und schlug sich mit der Hand auf den Mund, als ihr klarwurde, dass sie laut gesprochen hatte.
„Wer‘s glaubt. Ich denke eher, der Pub hält als Alibi her, um irgendwelche krummen Dingern zu vertuschen.“
„Wie wäre es, wenn du mir jetzt zeigst, was du gekauft hast!“, blaffte Liz. Sie war genervt, dass ihre Cousine von ihrem Nachbarn nur das Schlechteste dachte, ohne zu wissen, ob ihre Schlussfolgerung der Wahrheit entsprach. Liz kannte Conor tatsächlich nicht. Seine Musik war ihr inzwischen jedoch vertraut. Bis vor Kurzem hatte sie sich selten vor Einbruch der Dunkelheit aus dem Haus gewagt, deshalb war die Musik aus dem Nachbarhaus für sie wie ein nächtlicher Begleiter. Wie sollte jemand, der so einfühlsam auf seiner Gitarre spielte kriminell sein? Lesley übertrieb mal wieder. Im Moment wühlte sie in ihrer überdimensionalen Handtasche. Aus dem Durcheinander von Lippenstift, diversen Pröbchen und weiteren Pflegeartikeln, die ein Badezimmer ausgestattet hätten, angelt sie zwei grasgrüne Strickmützen.
„Oh nein“, stöhnte Liz, ließ es aber zu, dass ihr eine der Froschmützen über die Ohren gestülpt wurde.
„Perfekt. Und warm halten sie auch“, pries Lesley ihre neueste Errungenschaft an.
„Aber erst heute Abend, okay?“ Liz gab wiederstrebend nach, stopfte das grasgrüne Wollteil in ihren Rucksack und zog die Baseballmütze zurück über den Kopf.
Abends war es dunkel, da fielen sie bestimmt nicht mit diesen grässlichen Kopfbedeckungen auf, redete sie sich ein; wohlwissend, dass abends die Stadt hell erleuchtet sein würde.
Leider schien momentan die Sonne. Ihre Angst vor den Auswirkungen, die das auf ihre Haut haben könnte, saß ihr wie ein fieser Kobold im Nacken. Bisher hatte Liz aber die Oberhand.
„Mist, in fünf Minuten fährt der Bus“, rief sie, nach einem Blick auf ihre Armbanduhr, und gab damit den Startschuss für ein Wettrennen.
Fünfhundert Meter bis zur Bushaltestelle die Straße entlang.
Sie erreichten sie rechtzeitig. Lesley grinste und wandte sich dem Busfahrer zu, nachdem Liz mit dem Daumen nach oben gezeigt hatte.
Der Linienbus war kaum besetzt, was Liz verwunderte. An einem solchen Tag hätte sie Catherines Tagebuch verwettet, dass er überfüllt wäre. So wie es aussah, waren sie einige der Wenigen, die erst am Nachmittag nach Kilkenny fuhren, während die meisten bestimmt schon um die Mittagszeit in die Stadt geströmt waren.
Liz mochte die quirlige Kleinstadt, obwohl sie bisher erst zweimal dort gewesen war.
„Kommst du?“, fragte Lesley, die im Mittelgang auf ihre Cousine wartete. Liz nickte und folgte ihr in den hinteren Teil. Vorbei an zwei Frauen, eine davon mit einem Kleinkind auf dem Schoss und einem pickligen Teenager, der sich auf seinem Sitz flegelte, stur aus dem Fenster schaute und nicht mal aufsah, als Liz aus Versehen gegen sein Bein stieß, das er ausgestreckt hatte.
„Tschuldigung“, flüsterte sie im Vorbeigehen.
„Puh. Geschafft. Was meinst du, wohin sollen wir zuerst? In einen Pub? Das Old Murphys ist ziemlich cool. Oder erst die Parade anschauen? Da machen auch ein paar aus der High-School mit“, plapperte Lesley aufgeregt, nachdem sie auf der hinteren Sitzbank Platz genommen hatte.
„Ich wäre für den Umzug, oder willst du dir den entgehen lassen?“, antwortete Liz nach einem Moment des Zögerns. Sie wusste, warum Lesley ihr die Wahl überließ. Ihre Cousine hatte es nicht ausgesprochen, aber auch sie machte sich über Liz Handicap Gedanken. Warum musste ausgerechnet heute die Sonne scheinen?
„Okay, die Parade. Wir müssen uns bis zum Rathaus durchkämpfen. Von dort sieht man am besten“, erklärte Lesley, die ihren grauen Blazer öffnete, den dazugehörigen Minirock glattstrich und die Beine übereinanderschlug. Warum trug Lesley so gern die Schuluniform? Liz spürte einen Anflug von Neid und Unsicherheit aufsteigen, als ihr die Antwort darauf dämmerte. Ihre Cousine fühlte sich ihrer High-School zugehörig, und hatte kein Problem damit, das auch zu zeigen. Liz schob den Gedanken, in weniger als einer Woche eine fremde Schule zu besuchen, beiseite. Sie grübelte auch so schon genug. Stattdessen suchte sie sich einen Sitzplatz aus, der sich in entgegengesetzter Richtung zum Lichteinfall befand und schaute aus dem Fenster. Die Umgebung zog an ihnen vorüber, ein Meer aus grünen und grauen Farbtupfern in allen Schattierungen. Häuser, Scheunen, Wiesen und Felder.

Ein Klingeln schreckte sie auf. Lesley wühlte hektisch in ihrer Tasche, kramte ihr Smartphone heraus und presste es ans Ohr. „Hi, ja, erst die Parade. Ich weiß noch nicht genau, vermutlich ins Murphy‘s. Ja, wir sehen uns, bye!“
Ihre Cousine ließ das Handy sinken und grinste Liz zufrieden an. „Wir treffen uns später mit Kate, Amy und Ethan. Das ist doch in Ordnung für dich?“, fragte Lesley mit einem Anflug von Unsicherheit.
„Kein Problem. Deine Freunde sind okay.“ Liz behielt für sich, dass sie mit den dreien nicht viel anzufangen wusste. Es war eine nette Geste, dass sich Lesley während des Feiertags mit ihrer seltsamen, amerikanischen Verwandten abgab, anstatt mit ihren Freunden rumzuhängen.
„Wir treffen sie, wenn es dunkel wird. So musst du ihnen auch nichts erklären“, murmelte Lesley, während sie nach dem Mini-Kopfhörer suchte und diese in ihr Phone einstöpselte, um die restliche Fahrt Musik zu hören. Liz nickte und blickte wieder aus dem Fenster. Sie war dankbar für die Atempause, obwohl sie im Grunde nichts gegen das Plappern ihrer Cousine hatte.
Der Gedanke, an ihre beste Freundin schlich sich ein. Was machte Diana wohl gerade? Vermutlich war sie in der Schule, da in Massachusetts kein Feiertag war. Hatte sich ihre Freundin endlich dazu durchringen können, Pit in der Schul-Cafeteria anzusprechen? Später würde sie Diana anrufen und fragen, was daraus geworden war.
Der Bus bog um eine Ecke und folgte der Hauptstraße, die nach Kilkenny führte. Ein verirrter Sonnenstrahl glitt über Liz hinweg, streifte jedoch nur ihre Brust. Trotzdem und aus Gewohnheit, zuckte sie zusammen und entspannte sich, als nichts passierte. Kein stechendes oder brennendes Gefühl auf ihrer Haut, der bewirkte, dass sich ihr Brustkorb schmerzvoll zusammenzog. Liz bemühte sich flach zu atmen, bis sich ihr Herzschlag wieder beruhigt hatte und die Panik verschwand.
Es war töricht gewesen, Fionas Vorschlag übereilt zuzustimmen, die beiden Mädchen könnten diesen Tag gemeinsam verbringen, um ihre Enkelin für eine von Irlands Traditionen zu begeistern.
„Hey, Liz. Schau nicht so besorgt. Dir wird nichts passieren. Außer vielleicht, dass dich auf dem Umzug ein betrunkener attraktiver Kerl schnappt und küsst.“
„Was?“, japste Liz, bevor ihr aufging, dass ihre Cousine sie nur aufzog.
„Na siehst du, geht doch. Das Lächeln steht dir“, fügte Lesley grinsend hinzu, bevor sie sich um ihr Phone kümmerte. Ein erneuter Piepston verriet, dass gerade SMS Nummer Fünfzig eingegangen war.
Die letzten Kilometer verbrachten sie schweigend. Interessiert betrachtete Liz die Backsteingebäude, die zahlreichen Gassen und die Geschäfte, die an ihr vorüberglitten. Je näher sie ihrem Ziel kamen, umso dichter wurde der Verkehr. Der Busfahrer nahm einen Umweg in Kauf, da die Hauptroute gesperrt worden war. Die vielen Menschen, die sich in Kilkenny auf den Straßen versammelt hatten, lösten in Liz Unbehagen aus.
Niemand kennt mich. Ich kann mich jederzeit von Malcom abholen lassen. Zu Hause liegen Medikamente, sollte es mich am Ende doch, erwischen‘, schoss es ihr durch den Kopf.
Erneut gelang es Liz die negativen Gefühle niederzukämpfen und so etwas wie Mut zu fassen. Entschlossen, diesen Tag zu genießen, griff sie nach ihrem Rucksack und folgte Lesley, die bereits aufgesprungen war, kaum dass der Bus hielt. Liz blieb keine Zeit, eine andere Entscheidung zu treffen, als auszusteigen. Eine Minute später standen auf dem Bürgersteig.
„Hier geht’s lang“, rief ihre Cousine, die bis über beide Ohren grinste und Liz einfach hinter sich herzog.
Der Lärmpegel, ebenso die Menschenmassen, schüchterten sie augenblicklich ein.
Schon bald außer Atem, wichen sie Passanten aus, die sich ihnen aus Unachtsamkeit immer wieder in den Weg stellten und umrundeten kleine Grüppchen, die gar nicht daran dachten, anderen Besucher etwas Raum zu lassen, geschweige denn Platz zu machen. Glücklicherweise hatte Liz ihren Rucksack geschultert, sodass sie jederzeit eine Hand frei hatte, um ihre Baseballmütze zurechtzurücken, falls sie drohte zu verrutschen.
Sie spürte, wie ihr eine Schweißperle die Schläfe herabrann. Ihr war furchtbar warm und sie verfluchte die Jacke, die ihr gegen Abend vermutlich gute Dienste leisten würde. Momentan jedoch hätte Liz sie am liebsten ausgezogen, aber dafür gab es keine Gelegenheit.
Kurz darauf hatten sie das imposante Rathaus erreicht. Lesley schien immer noch unzufrieden und so bahnten sie sich einen Weg durch weitere Grüppchen, bis beide die unterste Stufe des Gebäudes erreicht hatten.
„Ganz nach oben“, dirigierte ihre Cousine, ebenfalls außer Atem.
Erleichtert, dass der Marathon durch die Straßen der Stadt, vorüber war, lächelte Liz. Oben angekommen gab es gerade noch ausreichend Platz für beide Mädchen. Dicht gedrängt, mit anderen Besuchern der Parade, wurden sie für ihre Strapazen mit einem tollen Über- und Ausblick belohnt. Liz entdeckte zahlreiche grüne Kopfbedeckungen in allen Variationen. Auf dem Platz unter ihnen wogte die Menschenmasse. Geschmückte Wagen und Fußgruppen in Uniformen, marschierten in Reih und Glied die Straße entlang. Von allen Seiten wurden sie bejubelt.
Liz lauschte der Dudelsackmusik, den Trommeln und Trompeten, während Lesley neben ihr auf und ab hüpfte und immer wieder laut pfiff, wenn ihr etwas oder jemand ins Auge stach oder besonders gut gefiel.
Liz gelang es tatsächlich die Sonne zu vergessen, die an diesem Märztag alles gab. Da Liz im Eingangsbereich im Schatten stand, fühlte sie sich sicher.
„Oh man, bin ich durstig“, stöhnte Lesley nach einem besonders gelungenen Pfiff, der den Leuten um sie herum, vermutlich die Ohren zum Klingeln gebracht hatte.
„Moment, warte“, rief Liz und öffnete den Rucksack, den sie sich zwischen die Beine geklemmt hatte.
Zwei Dosen Limonade und ein Päckchen Gummibärchen überbrückten die drei Stunden, bis die offizielle Parade zu Ende war. Die Besucher des Umzugs feierten auch danach noch munter auf den Straßen und in den zahlreichen Pubs von Kilkenny weiter. Allmählich setzte die Dämmerung ein und der Wind frischte auf. Er kühlte Liz‘ erhitzte Wangen.
„Jetzt kommt der beste Teil am P. Tag“, verriet ihr Lesley mit einem Grinsen.
Das Old Murphys lag nur ein Katzensprung vom Rathaus entfernt. Sie ließen sich einfach mit den Menschen, die in dieselbe Richtung strömten, mitttreiben. Dieses Mal benötigte Liz keine Führung. Die Reihen der Passanten hatten sich gelichtet, sodass sie mehr von der unmittelbaren Umgebung mitbekam.
„Da drüben ist es!“, schrie Lesley, der es offenbar egal war, wie viele Leute sie damit lautstark darüber informierte.
Neugierig blickte Liz zum Gebäude hinüber, auf das ihre Cousine zeigte. Es handelte sich um ein typisches und eher unauffälliges Backsteingebäude, dessen Eingang von zwei leuchtenden Laternen markiert wurde.
Nur zögerlich folgte sie Lesley. Sie schien es kaum erwarten zu können in den Pub einzukehren und ihre Clique zu treffen. Liz unterdrückte Ängste kehrten mit einem Schlag zurück. Sie war Lesleys Freunden erst einmal begegnet und hatte sich in deren Gesellschaft fehl am Platz gefühlt. Liz waren die Orte und Leute, über die sich das Grüppchen unterhalten hatte gänzlich unbekannt gewesen.
Sie atmete tief durch, zögerte jedoch noch immer. In der Enge einer Kneipe würde sie erneut vielen Menschen, ungewollten Berührungen und pulsierendem Leben ausgesetzt sein. Obwohl sie sich besonders nach Letzterem sehnte, fürchtete sie sich davor, unangenehm aufzufallen. Hastig schob sie sich die Mütze vom Kopf, stopfte die Regenjacke während des Gehens in ihren Rucksack und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch ihre lange Mähne. Einige Haarsträhnen fielen ihr dabei über die Augen, sodass sie blinzelnd den Pub betrat.
Die Luft war stickig, aber ohne Zigarettenqualm. Sie vermutete, dass es irgendwo im Hinterhof eine Rauchzone gab. Liz schüttelte den Kopf. Wieso dachte sie jetzt über einen solchen Unsinn nach?
Sie rauchte nicht und hatte auch nicht vor jemals damit anzufangen.
Im vorderen Teil des Pubs, wo sich die Theke befand, wechselte literweise Alkohol den Besitzer.  Nervös sah sie sich nach Lesley um, die verschwunden war.
„Hey, hier drüben!“, erklang eine Stimme, irgendwo seitlich von ihr. Leider konnte Liz nicht erkennen, wen ihre Cousine gerufen hatte. Sie war sich aber sicher, dass sie nicht gemeint war. Lesley schien sie vergessen zu haben.
Es war ein Leichtes den Rückwärtsgang einzulegen und vor dem Pup frische Luft zu schöpfen. Liz spielte mit dem Gedanken, als sie Gitarrenklänge wahrnahm, die sie augenblicklich fesselten. Sie blendete die Umgebung aus und lauschte der vertrauten Melodie. Unweigerlich wurde sie in den hinteren Teil des Pubs gezogen. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie beim Vorbeigehen Lesley, die ihre Freunde überschwänglich begrüßte. Offenbar schien sie sich keine Gedanken mehr um Liz zu machen. Vermutlich glaubte sie, dass sich ihre Cousine klammheimlich aus dem Staub gemacht hatte. Was gar nicht so abwegig wäre. Die Erleichterung stand ihr jedoch ins Gesicht geschrieben, als sie Liz schließlich unweit von sich entdeckte. Sie verständigten sich mithilfe von Gesten. Lesley würde sich um die Getränke kümmern, während Liz in der Nähe der winzigen Bühne blieb, um der Musik zu lauschen. Vor ihr versperrten einige Teenager den direkten Blick auf den Gitarrenspieler. Die Melodie, zuvor eindringlich und langsam, wurde schneller und aggressiver, als würde dem unsichtbaren Musiker der Trubel im Pub ebenfalls auf die Nerven gehen; nur das für Liz die Geräuschkulisse gewöhnungsbedürftig war. Während er sich vermutlich längst daran gewöhnt hatte.
Liz war so vertieft, dass sie aufschrak, als jemand sie am Arm festhielt.
„Ethan hat sich breitschlagen lassen. Er bringt uns etwas zu trinken. Lass mal sehen, was so faszinierend ist, dass du für meine Freunde nicht mal ein ‚Hallo‘ übrig hast“, schmollte Lesley. Allerdings meinte sie den Tadel nicht allzu ernst, da sie Amy im selben Atemzug grinsend eine Kusshand zuwarf.
„Tut mir leid. Ich hol das nach. Versprochen. Aber weißt du, die Musik …“, setzte Liz zu einer Entschuldigung an.
„Ist ja dir überlassen, was dir gefällt. Hey, bist du in Trance, oder was?“, fragte Lesley. Tatsächlich hatte Liz den letzten Takten gelauscht, sie kannte den Song in-und auswendig.
„Hm?“, war das einzige, was Liz hervorbrachte. Sie hatte gerade den Versuch gestartet, an jemand vorbei zu linsen. Die Bühne konnte sie immer noch nicht richtig einsehen.
„Das ist ja kaum auszuhalten. Ich stelle dir jetzt Conor vor. Wenn du ihn erst gesehen hast und merkst, wie der tickt, ist es mit jeglichen romantischen Gedanken aus“, sagte Lesley und zerrte Liz hinter sich her, bevor diese wusste, wie ihr geschah.
Der Gitarrist pausierte neben der Bühne an einem der Stehtische mit dem Rücken zu ihnen.
„Lass das bitte, ich finde das nicht witzig“, zischte Liz entsetzt, als ihr aufging, was Lesley vorhatte.
Ihre Cousine ignorierte den Einwand und tippte dem Jungen auf die Schulter. Conor fuhr erschrocken zu ihnen herum. Liz war wie erstarrt, kam aber nicht umhin seine smaragdgrünen Augen zu bewundern. Neugierig beäugte er Liz und dann Lesley, wobei sich seine Miene bei ihrem Anblick verfinsterte.
„Was gibt’s? Ich spiele keine Girly-Songs. Schon vergessen?“
„Wie könnte ich je die letzte Schulparty vergessen, auf der du diese jaulende Musik gespielt hast, die kein Mensch hören wollte“, knallte Lesley ihm einen vor den Latz.
„Dann zwingt mich besser nicht mehr, auf so eine bescheuerte Veranstaltung zu gehen“, motzte Conor, der auf Lesley fixiert war und Liz‘ Anwesenheit offenbar vergessen hatte.
„Solange du die Schule schwänzt, bist du ja außer Gefahr“, zischte Lesley, die offenbar Spaß daran fand, diesen Jungen zu ärgern.
Der Schlagabtausch gab Liz die Gelegenheit ihren Nachbarn genauer in Augenschein zu nehmen. Sie schätzte ihn auf achtzehn Jahre, also ein Jahr älter als sie und Lesley, die mit ihrer Behauptung nicht ganz falsch lag. Conor schien ein ziemlich mürrischer Geselle zu sein, ja fast feindselig. Als ob er auf die ganze Welt wütend wäre, schoss es ihr durch den Kopf. Seine Musik jedoch war das genaue Gegenteil; zumindest die Melodien, denen Liz bei ihren nächtlichen Ausflügen hin und wieder heimlich gelauscht hatte.
„… unbelehrbar, das bist du!“, schimpfte Lesley und kickte Liz den Ellenbogen in die Seite. „Du kannst ja nachkommen, wenn du mit dem fertig bist. Ich für meinen Teil geh jetzt was trinken. Unerträglich dieser Typ“, grummelte ihre Cousine, drehte sich um und ließ Liz einfach stehen.
Betreten blickte sie zu Boden; auf der Suche nach einem Mauseloch, in dem sie sich verstecken konnte. Aber so große Mäuse gab es nicht auf der grünen Insel. Liz entdeckte überhaupt kein Mauseloch.
„Tut mir echt leid, dass du das mitbekommen hast, aber deine Cousine treibt kurz über lang jeden in den Wahnsinn“, wandte sich Conor an Liz, die erschrocken zusammenzuckte und aufsah. Faszinierende grüne Augen und schwarze, zottelige Haare, die vermutlich seit Längerem keinen Friseur gesehen hatten, überdeckten seine feinen Gesichtszüge. Wenn man drüber hinwegsah, wie er drauf war, könnte er als ziemlich attraktiv durchgehen. Wieso war Lesley das entgangen?  
„Schon gut, dafür kannst du ja nichts“, antwortete Liz leicht eingeschüchtert. „Also mir gefällt deine Musik. Ich weiß zwar nicht, was genau du da spielst, es hört sich aber auf jeden Fall schön an“, plapperte sie drauflos.
„Danke noch mal, dass du mich verteidigt hast, obwohl wir uns gar nicht kennen“, sagte Conor, dessen melodische Stimme jetzt überraschend freundlich, ja fast mitfühlend klang.
„Was meinst du?“, fragte Liz verwundert. Sie war inzwischen bei der Musterung seiner zerschlissenen Klamotten angekommen und betete, dass ihm die heimliche Begutachtung entgangen war.
„Na das mit dem Abhängen, kurz bevor ihr mit dem Bus in die Stadt gefahren seid“, klärte er Liz auf.
„Ähm, ja. So toll war das nun auch wieder nicht.“ Vage erinnerte sie sich an ihr Gespräch mit Lesley. Liz hatte Conor tatsächlich vor der Haustür ihrer Großeltern in Schutz genommen.
„Du bist Malcoms und Fionas Enkelin aus Amerika, oder?“, fragte er geradeheraus und Liz war für einen Moment sprachlos.
„Woher weißt du das?“
„Ich hab’s irgendwo aufgeschnappt. Aber selbst dann wäre es nicht schwer zu erraten. Lesley und du, ihr habt dieselben Augen“, erklärte er mit einem Lächeln.
„Stimmt, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Unsere Mütter waren Geschwister“, fügte sie leise hinzu. Bei dem Wort waren, spürte Liz einen schmerzhaften Stich in ihrer Brust.
„Conor, die Pause ist längst rum. Fürs Nixtun gibt’s kein Geld“, brüllte jemand quer durch den Pub.
„Mann, reg dich ab. Wegen den ein, zwei Minuten“, rief Conor in der gleichen Lautstärke zurück.
„Also, ich muss los. Die anderen warten schon auf mich. War nett, dich kennenzulernen“, sagte Liz hastig. Sie wollte nicht, dass er ihretwegen Ärger bekam.
„Vielleicht sehen wir uns ja bald wieder“, entgegnete Conor nach einem Moment des Schweigens. Sein Lächeln war verschwunden, als wäre es nie dagewesen.
Liz innere Stimme meldete sich taktlos zu Wort und behauptete, dass dieser Junge viel zu ernst war und vermutlich nur selten lachte. Beides traf aber auch auf sie zu!
„Meinst du später, wenn du mit deiner Arbeit fertig bist?“, fragte Liz verunsichert.
„Eigentlich meinte ich was anderes.“ Seine Miene verriet ihr nicht, was er gerade mit Worten ausdrücken wollte.
„Ich geh nicht viel unter Leute, oder in Pubs wie diesen. Also werden wir uns kaum so schnell wiedersehen.“ Liz spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg.
Er grinste sie an. In Conors grünen Augen blitzte der Schalk. Oder irrte sie sich, und es lag nur an den unzureichenden Lichtverhältnissen?
„Was anderes? Was denn? fragte Liz schließlich.
„Na ja, du bist doch das Mädchen, das nachts durch den Ort spaziert, oder auf der alten Schaukel vorm Haus sitzt!“, verriet Conor ihr mehr, als Liz lieb war.
Vor Staunen blieb ihr der Mund offenstehen, was sie bestimmt nicht geistreicher aussehen ließ, als sie sich momentan fühlte.
„Spionierst du mir etwa nach?“, rutschte es Liz heraus.
„Nein, ich bin nur jemand, der tagsüber pennt und sich nachts genauso oft herumtreibt, wie du!“, rief er ihr belustigt zu. Conor nahm seine Gitarre und bestieg die Bühne.
Liz starrte ihm hinterher und wandte sich erst ab, als er ihr ein weiteres Lächeln schenkte. Eines von der Sorte, die einem die Knie weich werden ließ.
Vielleicht. Ja vielleicht, irrte sich Catherine, was verzwickte Beziehungen, aufgrund ihres Handicaps betrafen. Immerhin war es nicht mehr 1915, sondern 2017.   
Zum ersten Mal, seit es Liz auf diese Insel verschlagen hatte, fühlte sie sich nicht mehr fehl am Platz und zutiefst unglücklich.

Copyright by Christa Kuczinski

… und … inspiriert durch Alexandra Schäfer.

Aus ihrer Idee, unter Vorgabe der ersten fünf Sätze, eine Kurzgeschichte zu schreiben, wird in den kommenden Monaten ein neuer Jugendroman, aus der Feder von Christa Kuczinski, entstehen.  


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