Dienstag, 29. August 2017

[Aktion Kurzgeschichte] Einblick: Rock Love von Tanya Carpenter

Die nächste Kurzgeschichte erwartet euch und dieses Mal ist sie von Tanya Carpenter.

Es war wirklich purer Zufall, dass die fünf Sätze perfekt zu ihrem aktuellen Projekt passten. Warum auch immer, aber ich dachte mir, dass eine Rockstargeschichte zu Tanya passen könnte. Es gibt für euch also schon einmal einen kleinen Einblick in die Geschichte, die euch erwarten wird. Und ich muss sagen: ich bin total neugierig.

Aber vorher noch einen kleinen Einblick, wer Tanya Carpenter überhaupt ist. Kennengelernt habe ich sie durch eine Blogtour zu Seduction und fand sie auf Anhieb sympathisch. Ihre Bücher sind vielschichtig. Man findet sie im Fantasybereich, schreibt aber auch Erotik, Thriller und Kinderbücher.

Hier geht es zum Interview.

Ihre Bücher:



Hier nun die Kurzgeschichte:

Sebastian

Für einen Moment schloss ich die Augen und atmete ein letztes Mal tief durch, um mich zu beruhigen, wie jedes Mal vor einem Konzert. Man sollte meinen, dass ich mich langsam daran gewöhnt hätte, doch wie jedes Mal, wenn ich an die Masse kreischender Mädels dachte, durchfloss mich das Adrenalin und ließ meine Knie weich werden. Als ich meine Augen wieder öffnete, gab ich dem Techniker ein Zeichen, dass ich so weit war. Das Licht erlosch und damit auch jeglicher Ton vor der Bühne. Langsam gingen meine Bandkollegen und ich an unsere Plätze und spielten unseren ersten Akkord. Die Magie begann.
Musik ist mein Herzschlag. Sie ist der Atem, der meine Lungen füllt. Meine Zuflucht vor den Schatten meiner Vergangenheit und eine Festung, in der ich all die Scheiße vergessen kann, die passiert ist. Die Drogen, den Alkohol, die Jahre hinter Mauern und dicken Gitterstäben. All den Mist, den ich verzapft habe und der mich ziemlich weit nach unten gebracht hat. Erst durch die Musik hab ich wieder ein Ziel vor Augen, hab ich den Boden unter den Füßen zurück und weiß, wofür es sich zu leben lohnt, denn zur Musik gehört auch alles andere, was mein Leben lebenswert und glücklich macht. Die Band, die Crew, die Fans und der Ort, den ich Zuhause nenne.
Ich habe eine Menge Dinge in meinem Leben getan, auf die ich nicht stolz bin und die ich gerne ungeschehen machen würde. Schuld daran bin ganz allein ich. Das weiß ich heute, das wusste ich vielleicht auch damals schon, aber jung und rebellisch wie ich war, hat mich das nicht abgehalten. Dabei kann ich wirklich nicht behaupten, dass ich eine schlimme Kindheit gehabt hätte, vor irgendetwas geflohen wäre oder sonst eine rührselige Geschichte präsentieren, die meine Entwicklung entschuldigen würde. Aber rührselige Geschichten passen auch nicht zu einem Rockstar, zum Bad Boy für den es nur Sex and Drugs and Rock’n Roll gibt. Na ja, das mit den Drugs hab ich inzwischen erfolgreich hinter mir gelassen und das verdanke ich auch meinen Jungs. Die Band ist meine zweite Familie, nachdem ich meiner ersten Familie den Rücken gekehrt habe.
Ich bin Sebastian Reese, aber in Momenten wie diesen, wo es nur die Bühne, die Musik, die Band und die vielen kreischenden Fans zu meinen Füßen gibt, bin ich einfach Bastard.
Die harten Bässe und Drums gaben den Takt meines Herzschlages vor, während ich einen Hit nach dem anderen ins Mikro schmetterte und wie in Trance über die Bühne rockte. Die Hitze der Scheinwerfer und der Tausenden von Körpern in der Halle brachte die Luft zum Glühen und ließ den Schweiß in Strömen über meine Haut fließen, aber ich merkte es kaum. Ich war high, ganz ohne Alkohol oder sonst irgendein Rauschmittel. Ich brauchte nur unsere Songs und die Stimmen der Masse.
Colt ließ seine Sticks wirbeln als wäre er ein Jongleur und prügelte seine Drums wie von Sinnen, während Vegas die Saiten seiner E-Gitarre vibrieren ließ und immer wildere Salven aus ihnen herausholte. Cash stand wie immer cool auf seinem Platz links von mir und gab mit dem Bass stoisch den Rhythmus vor, damit wir anderen nicht völlig abdrehten. Er war stets der ruhende Pol in der Band, egal worum es ging. Unser Fels in der Brandung. Besonnen und analytisch. Immerhin hatte er ja auch in Harvard studiert, und dass ich heute hier stehen konnte und nicht weiter in den Abgrund gerutscht war, verdankte ich zum größten Teil ihm, obwohl er damals genauso in der Scheiße gesteckt hatte wie ich.
Die Show dauerte anderthalb Stunden, in denen wir alle dreimal die Klamotten wechselten, weil sie durchgeschwitzt waren. Gillian, unsere Managerin, brüllte hinter der Bühne wie immer ihre Kommandos, damit wir genug Wasser, Handtücher und Kaffee hatten. Ohne sie lief nichts. Eigentlich hätte sie auch nach vorne auf die Bühne gehört, denn in ihrem hautengen Lackoverall und den hochtoupierten blonden Haaren mit den schwarzen Strähnen sah sie ebenfalls aus wie ein Rockstar. Bloß, dass ihre Stimme leider viel zu schrill war und sie keinen Ton hätte halten können. Ich musste an diesem Abend schmunzeln, weil sie vor der Zugabe genauso heiser war wie ich. Nur mit dem Unterschied, dass ich meine Stimmbänder trotzdem gut genug unter Kontrolle hatte, um noch unseren Megahit Tearing down zum Besten zu geben. Ohne Playback, ohne Extra-Verstärker.
Danach gingen ein letztes Mal alle Scheinwerfer an und verwandelten die Bühne für einige Minuten in die Wüste Sahara zur Mittagsstunde. Ein Wahnsinngefühl, die Menge nochmal jubeln zu hören. Ich ließ meinen Blick schweifen, das erste Mal bewusst. Während der Show war ich zu konzentriert, aber jetzt, wo alles vorbei war, gönnte ich mir dieses Vergnügen. Ein paar von den Mädels aus der ersten Reihe würden wohl später hinten am Bühnenausgang stehen und darauf hoffen, dass einer von uns sie mit aufs Zimmer nahm. Groupies gehörten definitiv zu den netten Nebeneffekten des Rockstar-Lebens.
Als ich und die Jungs in der Garderobe verschwanden, tat die Kühle einfach nur gut. Wir waren alle so aufgeheizt, dass unsere Körpertemperatur sicher im ungesunden Bereich lag. Ich gönnte mir eine lange, sehr kalte Dusche, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Vegas tat es mir gleich. Ich erhaschte einen flüchtigen Blick auf seine Fingerkuppen, die wieder mal blutig gespielt waren.
„Du übertreibst immer. Warum klebst du dir keine Pflaster auf die Fingerkuppen, wie andere Gitarristen?“
Er schüttelte lachend den Kopf und strich sich die schwarzen Locken nach hinten. „Keine Chance. Da fehlt mir einfach das Gefühl. Schmerz ist geil! Dann fühle ich, dass ich lebe.“
Jetzt war es an mir, den Kopf zu schütteln. Vegas war verrückt. Aber irgendwie waren wir das alle.
Cash und Colt hielten bereits jeder eine Flasche Bier in der Hand, als ich aus der Dusche kam und lümmelten sich mit nacktem Oberkörper auf dem kleinen Sofa der Garderobe. Auch mir warf Cash ein Bier zu, das ich geschickt auffing, aber gleich wieder abstellte.
„Gönn dir nen Schluck. Du musst deine Stimmbänder ölen, damit die morgen Abend wieder fit sind“, forderte Colt mich auf.
„Lass mal, ich bin k.o. Ich fahr gleich ins Hotel und hau mich in die Falle.“
Ungläubige Blicke meiner Bandkollegen trafen mich, dabei ging ich durchaus hin und wieder dazu über, auf das Feiern nach einem Gig zu verzichten. Das waren sie schon gewohnt. Entgegen meinem Ruf brauchte ich dieses exzessive Rockmusiker-Leben nicht so sehr. Für mich stand mehr die Musik im Vordergrund, der Rest war nettes Beiwerk, das ich zu genießen wusste, aber alles eben zu seiner Zeit.
„Habt noch einen schönen Abend, Jungs. Ich lass mich von Manson ins Hotel fahren.“
Manson war unser Bodyguard und gehörte, anders als die restlichen Securitys, die uns auf Tournee begleiteten, mit zur Familie. Er lebte mit auf unserem Anwesen und hielt uns unerwünschte Paparazzi vom Hals, aber auch allzu anhängliche Fans, die zuweilen versuchten, auf das Grundstück zu gelangen. Außerdem unterstanden die anderen Sicherheitskräfte seinem Kommando.
„Und was ist mit den Mädels?“, fragte Cash und breitete in einer gespielt hilflosen Geste die Arme aus.
Ich zwinkerte ihm zu. „Nimm einfach zwei, dann gleichst du meinen Verzicht wieder aus.“
Sein Lachen folgte mir, als ich mit Manson das Gebäude verließ. Auf dem Weg zur Limousine schirmte unser Security Chef mich ab, obwohl einige der Mädels versuchten, mit anzufassen oder sogar festzuhalten. Ich hörte Wortfetzen mit eindeutigen Angeboten, aber heute war ich einfach nicht interessiert. Ich blendete die Gesichter aus, gab nur hier und da ein Autogramm und war dankbar, als wir endlich am Wagen ankamen. Manson öffnete die hintere Tür für mich. Danach ging er um den Wagen herum, um auf dem Fahrersitz einzusteigen. Gerade startete er den Motor, als jemand erneut die Tür aufriss und sich blitzschnell neben mir auf den Sitz fallen ließ, nur um sofort von dort in den Fußraum zu rutschen. Da war aber jemand wirklich dreist. Ich überlegte den Bruchteil einer Sekunde, die Kleine wieder rauszuschmeißen, doch ihr Blick galt nicht mir. Stattdessen lugte sie angespannt gerade so weit über den Rand der Tür, dass sie nach draußen sehen konnte. In ihren Augen lag Angst – eine Angst, die ich selbst noch sehr gut kannte.

Jesse

Das durfte alles nicht wahr sein! Paul musste den Verstand verloren haben, wenn er glaubte, dass ich bei seinen miesen Spielchen widerspruchslos mitmachen würde. Mir war ja schon länger klar gewesen, dass er die ganze Kohle nicht bloß als Investmentberater verdiente, aber wie tief die Abgründe waren, in die er verstrickt war, hatte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt. Schon gar nicht, dass ich Teil seiner perfiden Pläne werden würde.
Gehetzt blickte ich mich um, konnte aber in der Menge niemanden mehr ausmachen. Vielleicht hatte ich seine Schießhunde inmitten dieser durchgedrehten Fans tatsächlich abgehängt. Ich verdrehte die Augen. Wie konnte man nur so hysterisch werden wegen ein paar Kerlen in Lederklamotten mit langen Haaren? Mir taten schon die Ohren weh von dem Gejohle und Gekicher, aber immerhin war es mir gelungen, hier unterzutauchen. Wenn ich dem Strom einfach weiter folgte, konnte ich mich vielleicht später in der U-Bahn endgültig davonstehlen. Wie es danach weitergehen sollte, wusste ich noch nicht, aber zurück nach Hause konnte ich auf keinen Fall. Dass ich für Paul im Augenblick nicht mehr als eine Ware war, hatte ich spätestens nach dem belauschten Gespräch am heutigen Nachmittag endgültig kapiert.
Wenn das unsere Eltern wüssten! Sie würden sich im Grab umdrehen. Ich konnte immer noch nicht begreifen, dass sie keinerlei Vorkehrungen getroffen hatten und ich dadurch nach ihrem Unfall ausgerechnet meinen Halbbruder zum Vormund bekommen hatte. Das schwarze Schaf der Familie. Wie schwarz, hatten Mum und Dad sicher nicht gewusst, sonst wäre ihnen dieser Fehler niemals unterlaufen. Aber das alles half mir jetzt auch nicht mehr weiter. Wenn ich verhindern wollte, dass Paul mich für seine Machenschaften missbrauchte und mich skrupellos als Sicherheit für sein geplantes Geschäft einsetzte, musste ich die nächsten vier Monate im Untergrund verschwinden. Sobald ich achtzehn war, konnte Paul nicht mehr über mich bestimmen. Fragte sich nur, wo ich die Zeit bis dahin verbringen sollte. Es gab keine andere Verwandtschaft, an die ich mich wenden konnte. Bei meinen Freunden hätte er mich sofort aufgespürt und die hätten ebenso wenig wie deren Eltern irgendeine Handhabe gegen ihn gehabt. Solange er mein Vormund war, konnte ich mich ihm nicht entziehen und wenn ich versuchte, gerichtlich gegen diese Vormundschaft anzugehen, würde der Prozess vermutlich erst beginnen, wenn Paul seine Pläne längst durchgesetzt hatte. Die Sache war echt kompliziert.
Ich warf einen kurzen Blick auf mein Handy. Es war kurz vor Zwei und ich hundemüde. Irgendwo musste ich heute Nacht schlafen. Ob ich jemanden von den Umstehenden ansprechen konnte? Auf der Straße wollte ich nicht bleiben. Als ich mich umblickte, um nach einem Gesicht zu suchen, das mir vertrauenswürdig genug erschien, stellte ich zum einen fest, dass wir uns im Bereich des Hinterausgangs befanden, wo einige Fans wohl auf Autogramme hofften, und zum anderen, dass sich zwei hochgewachsene Männer in Anzügen durch die Menge der Mädels kämpften. Ihre Sonnenbrillen waren so auffällig wie in einem schlechten Film. Verdammt, sie waren mir schon wieder auf der Spur.
Ich reagierte ohne nachzudenken, setzte meine Ellenbogen ein, um ein paar der Mädchen beiseite zu stoßen und mich vorwärts zu kämpfen. Vor mir tauchte plötzlich so ein großes schwarzes Auto auf, wie man sie im Fernsehen oft an den roten Teppichen sah. Noch bevor ich wusste, was ich tat, hatte ich die Tür zum Rücksitz aufgerissen und war ins Wageninnere gesprungen, wo ich mich augenblicklich in den Fußraum kauerte und hoffte, dass die beiden Kerle, die mein Bruder hinter mir hergeschickt hatte, einfach vorbeiliefen.
„Holla! Das nenn ich mal mutig. Oder soll ich eher sagen dreist?“
Eine raue Männerstimme erklang hinter mir. Ich zuckte zusammen und blickte über meine Schulter in ein kantiges Gesicht, das von langen blonden Locken umrahmt wurde. Der Typ grinste mich mit amüsiertem Glitzern in den Augen an und neigte neugierig den Kopf zur Seite. Während ich noch fieberhaft überlegte, was ich sagen sollte, setzte sich das Fahrzeug mit einem Ruck in Bewegung und mich überkam das Gefühl, in der Falle zu sitzen.
Der Kerl, der zweifellos zu der Rockband gehörte, die heute Abend hier gespielt hatte, beugte sich zu mir und half mir auf den Rücksitz.
„Ist bequemer, als der Fußraum“, erklärte er. Seine Augen waren geradezu magnetisch blau und das Piercing in seiner Augenbraue lenkte automatisch den Blick dorthin. Ich riss mich dennoch davon los, ich durfte nicht unaufmerksam werden. Wenn Pauls Leute gesehen hatten, wie ich in die Limousine stieg, würden sie mich sofort finden.
Unsicher blickte ich nach draußen, wo ich meine beiden Verfolger jedoch nicht mehr entdecken konnte.
„Die Scheiben sind von außen blickdicht“, fuhr der Musiker fort und klopfte wie zur Bestätigung gegen eine Scheibe. Als ob sich daraus etwas ableiten ließe.
„Danke!“, sagte ich nur und rutschte so weit wie möglich von ihm weg. Er folgte mir nicht, betrachtete mich aber immer noch äußerst interessiert. Auch seine Unterlippe war in der Mitte gepierced und mit einem pfeilartigen Stecker verziert. Ich sah, wie er mit der Zunge am Verschluss spielte.
„Also, dass sich die Groupies darum reißen, mit ins Hotel zu kommen, bin ich ja gewohnt. Aber einfach so ins Auto zu springen, hat noch keine gewagt.“
Erschrocken riss ich die Augen auf, als mir klar wurde, wie mein Eindringen in den Wagen auf den Typen wirken musste. „Ich bin kein Groupie!“, beeilte ich mich richtigzustellen. „Ich war ja nicht einmal auf dem Konzert.“ Mir war noch im selben Moment bewusst, wie dämlich und unglaubwürdig das klang. Warum sprang ein junges Mädchen in das Auto eines Rockstars? Wenn ich ihm jetzt erzählte, dass ich auf der Flucht war, würde das auch nicht realistischer wirken. Abgesehen davon, dass er vermutlich sofort die Polizei rufen würde, wenn ich zugab, vor meinem Vormund geflüchtet zu sein. Wo hatte ich mich jetzt wieder reingeritten?
Ich betrachtete den Kerl skeptisch. Er sah wild aus, die Haare noch feucht, der Ansatz eines Dreitagebartes schimmerte auf Kinn und Wangen. Die nackten Arme zeigten einige Tattoos. Aber war er ein Typ, der ein Mädchen gegen dessen Willen zum Sex zwang? Er konnte vermutlich jede haben, also warum sollte er sich mit einer herumärgern, die nicht wollte. Andererseits … vielleicht reizte ihn sowas auch. Woher sollte ich das wissen? Solche Typen hatten häufig Ärger mit der Polizei und vermutlich würde man ihm eher glauben als einer Ausreißerin, zumal ich ja ohne jedes Zutun in seinen Wagen gestiegen war.
Ein unruhiges Flattern machte sich in meinem Magen breit, je eindringlicher sein Blick wurde. Das Grinsen auf seinen sinnlichen geschwungenen Lippen besaß etwas Überlegenes, das ein seltsames Kribbeln in mir verursachte. Ich war eindeutig nicht ganz zurechnungsfähig. Vermutlich verdrehte mir der Stresspegel, dem ich die letzten zwanzig Stunden ausgesetzt war, das Hirn. Sonst hätte ich mir wohl auch ein besseres Versteck gesucht, als diese Limousine.
„Ich bin Bastard“, meinte er und lehnte sich mit einem Mal entspannt zurück.
Bastard?! Sollte das eine versteckte Warnung sein? Bloß sein Künstlername oder war selbiger auch Programm? Mir lief ein leichter Schauder über den Rücken.
„Hast du auch einen Namen?“
„Jesse!“
Er nickte und gab sich damit zufrieden. Erst mal jedenfalls.
„Ich bin mir nicht ganz sicher, was du in meinem Wagen machst, Jesse, wenn du, wie du sagst, kein Groupie bist. Aber ich bin sehr gespannt, es herauszufinden.“
Ich schluckte unsicher. Ob er versuchen würde, mich festzuhalten, wenn ich einfach losrannte, sobald wir beim Hotel angekommen waren?
Die Frage blieb unbeantwortet, denn als ich an seinem Hotel aus dem Wagen springen und es darauf ankommen lassen wollte, sah ich am anderen Ende der Tiefgarage den nächsten Kerl mit Sonnenbrille in der Nacht. Verdammt, scheinbar hatte mein Bruder seine Jagdhunde überall, oder einer von denen war der Limousine gefolgt. Verzweifelt drehte ich mich in alle Richtungen und suchte fieberhaft nach einem Ausweg. Da legte Bastard auch schon seinen Arm um mich und setzte mir gleichzeitig ein Basecap auf den Kopf, das er mir tief ins Gesicht zog. Ich nahm die Hilfe an und schmiegte mich an seine Brust, die ausgesprochen muskulös war. Es fühlte sich angenehm an – warm und sicher.
„Ich hab keine Ahnung, was hier los ist, Sweety, aber du kommst jetzt erstmal mit nach oben und erzählst mir, warum dich dieser Kerl da vorne so nervös macht“, raunte er mir zu. Ich widersprach nicht. Erst einmal musste ich hier raus, ohne dass mich die Leibwächter meines Bruders weiter verfolgten. Im Augenblick war dieser Rockmusiker meine einzige reelle Chance. Im Zweifel hatte der bestimmt auch Sicherheitsleute, die ihn beschützen würden. Davon konnte ich profitieren. Über den Rest würde ich mir später Gedanken machen.
Ich sah, wie Bastard seinem Chauffeur einen Wink gab. Auch dieser Kerl sah eher nach einem Sicherheitsmann aus. Vermutlich gehörte das auch zu seinem Job, jedenfalls schirmte er uns ab und bezog Posten an der Tür, die von der Tiefgarage ins Hotel führte. Mein Begleiter brachte mich mittels Aufzug in die Hotellobby, wo er mich kurz zurückließ, um den Zimmerschlüssel zu holen. Mir blieb beinah der Mund offen stehen. Nobel war weit untertrieben. Diese Rockmusiker wussten, wie man es sich gutgehen ließ. Hier war alles vom Feinsten. Dicke Teppiche auf Marmorböden. Kronleuchter an der Decke. Kunstvolle Bilder an den Wänden. Und die Gäste trugen allerfeinste Garderobe. Da fiel Bastard mit seiner hautengen Lederschnürhose und dem Muscle-Shirt direkt auf, auch wenn sich niemand daran zu stören schien. Demolierten diese Kerle nicht für gewöhnlich ihre Zimmer? Das würde in diesem Kasten hier ganz schön teuer werden.
Vor lauter Staunen hatte ich völlig vergessen, die Flucht zu ergreifen oder mir zumindest einen Plan zurechtzulegen, wie ich möglichst schnell den Abflug machen konnte. Ich war diesem Rockmusiker wirklich dankbar für seine Hilfe, aber ich hatte nicht die Absicht, mich damit zu bedanken, dass ich die Nacht mit ihm verbrachte.
Im Aufzug wagte ich daher erneut den Versuch, ihm klarzumachen, dass ich kein notgeiles Groupie war, das scharf auf eine Nummer mit ihm wäre.
„Hab ich schon kapiert, Sweety, aber erstens scheint es da irgendjemanden zu geben, dem du noch weniger in die Arme laufen willst als mir. Und zweitens …“ Jetzt wurde sein Grinsen wieder breit und selbstgefällig. „… vielleicht änderst du deine Meinung ja noch, wenn wir erstmal allein sind.“
Empört wollte ich protestieren, doch die Aufzugtür öffnete sich und verschob meine Antwort auf später, da zwei andere Hotelgäste die Kabine betraten, während wir sie verließen.
Aufgeschoben war aber nicht aufgehoben. Ich wollte keine Szene machen, weil ich jede unnötige Aufmerksamkeit zu vermeiden gedachte. Mein Bruder hatte seine Spione überall und würde mich nur umso leichter finden, je mehr Leute sich an mich erinnerten. Also zog ich das Basecap tiefer ins Gesicht und folgte dem Musiker auf sein Zimmer. Dort würde zumindest niemand anderer etwas mitbekommen, aber spätestens da würde ich ein für allemal klarmachen, dass zwischen uns nichts laufen würde.

Sebastian

Komisches Mädchen, dachte ich. Aber vor irgendwem war die Kleine auf der Flucht und sie hatte eine Scheißangst dabei. Das konnte ich nicht ignorieren. Dafür kannte ich das Gefühl zu gut und wusste, wohin es führen konnte.
Schon als sie in die Limo gesprungen war, hatte ich diese Kleiderschränke mit den Sonnenbrillen gesehen. Es gab nur eine Handvoll Kerle, die mitten in der Nacht Sonnenbrillen trugen, alle nicht von der Sorte, die man gern zu einem Kaffee einlud. Und eben in der Tiefgarage war noch so ein Vogel gewesen. Manson würde sich den mal genauer ansehen. Vielleicht fand er heraus, was diese Kerle von der Kleinen wollten. Darüber hinaus hatte ich die Absicht, dies ebenfalls in Erfahrung zu bringen. Ich hatte die ganze Nacht Zeit. Schlafen konnte ich morgen im Tourbus auf dem Weg zum nächsten Gig, und irgendetwas sagte mir, dass Jesse mir dabei Gesellschaft leisten würde.
Ich musterte sie von der Seite, nachdem wir in meinem Zimmer angekommen waren. Mein Angebot für einen Kaffee nahm sie an, blieb aber mit verschränkten Armen mitten im Raum stehen. Ihr Blick wirkte ein bisschen so, als suche sie nach einem Fluchtweg.
„Die Feuerleiter wäre ne Möglichkeit“, bot ich an. Ertappt zuckte sie zusammen, sagte aber nichts. In ihren großen blauen Augen las ich die Frage, was ich wohl mit ihr anstellen würde. Mir wäre eine ganze Menge eingefallen, aber das stand gerade nicht zur Debatte. Ich war ein Rockstar, kein Arschloch, und gegen ihren Willen hatte ich noch keine Frau genommen. Damit würde ich heute nicht anfangen. Jesse hatte andere Probleme.
Sie sah nicht wie eine typische Ausreißerin aus, obwohl sie maximal achtzehn oder neunzehn sein konnte. Vielleicht auch jünger. Ihr  fehlte die Trotzigkeit eines Mädchens, das von Zuhause weggelaufen war. Sie machte eher einen behüteten Eindruck. Ich hatte selbst auf der Straße gelebt, ich wusste, wie sich dieses Leben ins Gesicht grub, und zwar verdammt schnell. Bei ihr war davon nichts zu sehen. Dennoch hatte sie Angst, nicht nur vor mir. Im Gegenteil, vor mir wohl weniger wie vor denen, die sie in meinen Wagen getrieben hatten.
Ich reichte ihr den Kaffee. „Willst du drüber reden?“
Fragend sah sie zu mir auf. „Meinst du vorher?“
Ich musste lachen. „Du denkst immer noch, dass ich dich flachlegen will, oder? Okay, ja will ich. Du bist süß. Aber hey, ich hab längst gecheckt, dass du kein Abenteuer mit dem berühmten Sänger von Demolition suchst. Trotzdem muss es ja einen Grund geben, warum du in die Limo gestiegen bist und Paranoia vor Sonnenbrillen hast.“
Ich sah wie sie schluckte und an ihrer Lippe nagte. Hinreißend. Nervös strich sie sich eine blonde Strähne hinters Ohr. Schade eigentlich, dass ich ihr bereits mein Wort gegeben hatte. Vielleicht wäre sie meinen Verführungskünsten erlegen. Jedenfalls würde ich den Jungs morgen früh einiges erklären müssen, wenn ich Jesse mit in unseren Tourbus schmuggelte, und hierbleiben konnte sie auf keinen Fall. Diese Sonnenbrillenträger waren überall.
„Ich bin abgehauen.“
Überrascht hob ich die Augenbrauen. Also doch eine Ausreißerin? Sollte ich mich so getäuscht haben.
„Was haben deine Eltern angestellt, dass du die Schnauze voll hast von ihnen?“
Auch hier verfügte ich über eigene Erfahrungen, wie schnell sowas kommen konnte. Manchmal reichte eine Scheidung und irgendein Arschloch, das versuchte, einen Platz einzunehmen, der ihm nicht zustand.
„Meine Eltern sind tot.“
Meine Gedanken kamen jäh zum Stehen. Schockiert sah ich Jesse an. Tot?! Sie war eine Waise? Aus einem Heim getürmt? War sie dafür nicht ein bisschen zu alt?
Ehe ich weitere Fragen stellen konnte, sank die Kleine auf mein Bett und barg ihr Gesicht in den Händen. Ihr Körper zuckte unkontrolliert und ich begriff, dass sie unter einer enormen Anspannung stand, die allmählich ein Ventil suchte. Tränen eigneten sich in solch einem Fall gut, um Druck abzulassen. Zögernd nahm ich neben ihr Platz und legte behutsam meinen Arm um ihre Schultern. Jesse ließ es zu und lehnte sich sogar an mich.
„Das ist alles ein einziger Alptraum. Ein totales Chaos. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Überhaupt, du hast ja damit gar nichts zu tun. Tut mir leid, dass du jetzt mit reingerutscht bist.“
Noch war ich in gar nichts reingerutscht, aber ich hatte die feste Absicht, es zu tun. Jesse brauchte Hilfe, die würde sie von mir bekommen. Ich hatte einiges gutzumachen im Leben und war selbst froh gewesen, dass andere an meiner Seite gestanden hatten, als ich es am nötigsten brauchte. Es war gut, wenn man sowas zurückgeben konnte.
„Alles gut. Fang einfach vorne an. Ich versprech dir, wir finden eine Lösung für dein Problem, okay? Ich hab auch schon oft genug in der Scheiße gesteckt. Du musst also keine Hemmungen haben.“
Das meinte ich absolut ernst. Ungeachtet dessen, dass ich noch keine Ahnung hatte, worauf ich mich hier einließ, aber die Kleine berührte etwas in mir, und wenn es irgendwie in meiner Macht stand, ihr zu helfen, würde ich das tun. Ich wusste jetzt schon, dass die Jungs voll und ganz hinter mir stehen würden, mit allen Konsequenzen. Das machte es eben aus – unsere Familie.

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